Anisha: Den Nonnen auf der Spur

von Thomas Vitzthum
Der Satz durchfuhr Anisha Mörtl wie ein Blitz: “Du bist ein gestohlenes Kind.” Der junge Mann, der sie damit konfrontierte, sah ihr ähnlich, dunkle Haut, dunkle Haare, dunkle Augen, indisch. Wie sie war er in ein Land zurückgekommen, mit dem ihn kaum mehr verband als das Gefühl, dort eigentlich hinzugehören. Anisha Mörtl war 13 Jahre alt, als sie ihre Eltern aus München überredete, nach Indien zu reisen. Ihre Mutter hatte sich lange gesträubt. “Sie wollte nicht, dass ich nach meinen Wurzeln suche”, sagt Anisha.

Im Alter von zehn Monaten wurde die heute 19-Jährige im indischen Hyderabad abgeholt. Ihre neuen Eltern waren schon an die 40, zu alt, um in Deutschland ein Baby zu adoptieren. Die Auslandsadoption war ihre einzige Chance. Ihre leibliche Mutter habe sie in einem Krankenhaus bei den Schwestern des Schwester-Theresa-Ordens abgegeben. Sie habe schon zu viele Kinder und hätte keines mehr ernähren können – diese Geschichte wurde Anisha von ihren neuen Eltern erzählt, seit sie sich ihres Andersseins bewusst war.

Nun stand Anisha in Hyderabad einem jungen Mann gegenüber, der wie sie als Baby adoptiert wurde. Und wie sie hatte er sich auf die Suche nach seinen eigentlichen Eltern gemacht. Dabei war er nicht auf eine rührende Geschichte gestoßen, sondern auf ein Geschäft, das sich nur als Menschenhandel bezeichnen lässt. “,Du bist auch ein gestohlenes Kind’, sagte er. Das war zu viel für mich, mir wurde schlecht und ich bin umgekippt”, erzählt Anisha Mörtl.
Mit Adoptivvater und -mutter besuchte Anisha das Krankenhaus des Ordens, von dem ihre Eltern sie seinerzeit bekommen hatten. Eine Schar kleiner Kinder lief ihr entgegen. Aus ihrer Mitte trat Schwester Theresa, eine alte indische Frau. “Wie sie mit mir redete, so hart, kalt, da wusste ich, es konnte wirklich etwas nicht stimmen.” Noch einmal wiederholte die Schwester die Geschichte der armen Slumbewohnerin, die sich die Tochter nicht leisten konnte. Anishas Mutter gab sich damit zufrieden, wollte gehen, Anisha aber plagten Zweifel. Sie hatte unzählige Fragen, die ihr die Schwester nicht beantworten wollte. Doch Schwester Theresa verplapperte sich, und Anisha erfuhr den Namen ihrer leiblichen Mutter: Fatima. Sie zu finden, dazu war keine Zeit. In den Monaten nach ihrer Rückkehr nach Deutschland machte sich eine Menschenrechtlerin daran, nach Fatima zu suchen. An Weihnachten, zwei Jahre nach dem ersten Besuch in Indien, schickte sie einen Brief. “Wir haben Deine Mutter gefunden.” Ein Schriftverkehr entwickelte sich zwischen Tochter und leiblicher Mutter, er ging über Jahre. Durch die Briefe aus Indien erfuhr Anisha Mörtl ihre ganze, ihre wahre Geschichte.
Ihre Mutter Fatima lebt in einem ärmlichen Viertel Hyderabads, sie ist Hausangestellte, kann nicht lesen und schreiben. Nachdem sie Anisha, die sie nach ihrer Geburt Farzana nennen wollte, im Krankenhaus der katholischen Nonnen geboren hatte, sagte man ihr, sie müsse 20 000 Rupien für die Entbindung zahlen. Eine Lüge. Aber Fatima verließ das Krankenhaus, um Geld zu beschaffen – ohne ihre Tochter. Als sie zurückkam, blieb ihr das Tor verschlossen. “Alle stecken in diesem korrupten System unter einer Decke. Die Wächter, die Schwestern, alle”, sagt Anisha Mörtl. Sie ist Fatimas einziges Kind. Ihre Mutter wurde von den Schwestern zur Sterilisation gezwungen. Anisha wurde in den Westen verkauft. Sie ist kein Einzelfall. “Das System funktioniert immer noch. Schwester Theresa musste für ein paar Monate in Haft, aber nun macht sie wieder weiter”, sagt Anisha Mörtl.
Während der Suche nach ihrem gestohlenen Leben ging die Beziehung zur Adoptivmutter zu Bruch. Nie war das Verhältnis spannungsfrei, weil die Mutter immer Dankbarkeit für ein Leben im Wohlstand einforderte. In der Schule sollte Anisha besser sein als die in Deutschland Geborenen, mindestens genauso gut. “Meine Mutter denkt sehr westlich arrogant. Sie meint, sie hat mich gerettet, aber so empfinde ich das nicht.” Heute haben Adoptivmutter und Tochter keinen Kontakt mehr. Der Vater blieb ihr ein enger Vertrauter.
Im Dezember vergangenen Jahres reiste Anisha Mörtl noch einmal nach Hyderabad – und traf ihre leibliche Mutter. Ein verstörender Moment. In ihrer Wohnung hatte Fatima aus all den Fotos, die Anisha geschickt hatte, eine Art Altar aufgebaut. Vor einer Frage fürchtete sich die 19-Jährige, die gerade Abitur macht, am meisten: Willst Du bei mir bleiben? Doch Fatima stellte sie nicht. “Meine Mutter war überglücklich, aber sie hat verstanden, dass ich nicht mehr ihr Leben leben kann.”